Auwald unter Druck

Einleitung einer Artikelserie von Dipl. Natw. ETH Rochus Schertler,
zuerst veröffentlicht im ÖNB Infoblatt 1/2008

Au weia – den Vorarlberger Auen geht’s an den Kragen!

Gelegenheit macht Lagerplätze: Zuerst wurde der Auwald für eine neu aufgelegte Stromleitung gerodet. Danach kamen über Nacht ein Schotter- und ein Holzlagerplatz dazu.

Aufmerksame Beobachter bemerken tagtäglich, wie rasant die Landschaften unserer Heimat sich verändern und in welche Richtung diese Veränderungen gehen: geringere Vielfalt an Lebensraumtypen und Arten, verminderte landschaftsästhetische Qualität, zunehmende Trivialität und mehr Verwahrlosung.
Diesbezüglich am schnellsten geht es derzeit bei den ökologisch wertvollen Lebensräumen der Tallagen zur Sache. Besonders auffällig ist hier das rasante
Verschwinden von naturnahen Waldlebensräumen, speziell der flussbegleitenden Auwälder. Die wenigen noch existierenden Waldstreifen entlang
der größeren Flüsse wie Alpenrhein, Bregenzerach, Dornbirner Ache, Frutz, Ill und Lutz sind kümmerliche Reste der großen Auen, die noch vor wenigen hundert Jahren hier ein echtes Besiedlungshindernis darstellten. Schon von Beginn der landwirtschaftlichen
Nutzung an wurden diese Lebensräume zurückgedrängt. Früher höchstens extensiv beweidet und forstlich genutzt, wurden diese Wälder in den letzten zweihundert Jahren immer weiter zurück gedrängt, die gerodete Fläche als Wiese, Weide oder Acker bewirtschaftet, schließlich oft befestigt und heute immer öfter verbaut.
Rodungen von Auwäldern für landwirtschaftliche Zwecke sind heute selten – obwohl der landwirtschaftlich zu nutzende Boden in den Talräumen Vorarlbergs
durch rege Bautätigkeit abnimmt und den Bauern verloren geht. Flussbegleitende Wälder sind dennoch von allen Seiten bedroht: von der Flussseite her durch Erosion und Hochwasserschäden, von der Landseite durch alle möglichen Begehrlichkeiten
und von Innen durch intensive Freizeitnutzung, illegale Grünmüllentsorgung, Hochwasserschutzmaßnahmen, Weihnachtsbaumkulturen, nicht standortgerechte
Aufforstungen und dergleichen.
Es liegt in der Natur größerer Flüsse und Bäche, dass sie mitten in den Tälern verlaufen. Deshalb werden sie von vielen Menschen nicht als wertvolle Naherholungsräume und Lebensstätte seltener Pflanzen, Insekten oder Vögel gesehen sondern als
Baulandreserve. Im Vergleich zu landwirtschaftlich genutzten Flächen, die von der Bauernschaft teils heftig gegen Bebauung verteidigt werden (siehe Proteste gegen den Goldplatz Rankweil), ist Auwald meist billig zu haben.

In den letzten fünf Jahren wurden allein im Bezirk Bludenz für die Errichtung
von LKW-Abstellplätzen, Produktionshallen, Kraftwerks-,
Abwasserentsorgungs- und Wasserversorgungsanlagen, Lagerplätze und dergleichen mehr als 15 ha Auwald gerodet! Weitere Flächen sind bereits umgewidmet, womit ihr Schicksal besiegelt ist.

Vom Hochwasser abgeräumte Auwald-Fläche beim Suggadinbach in St. Gallenkirch. Im nächsten Jahr soll aufgeforstet werden.

Dazu kamen noch große Flächenverluste durch das Hochwasser 2005, bei dem auch etliche Hektar naturnaher Wald zerstört wurden. An Katastrophen wie diese wären Auwald-Standorte von Natur aus zwar angepasst und könnten sich rasch regenerieren
– die eigentlichen Zerstörungen kamen jedoch erst danach: Durch Flussbaumaßnahmen, Errichtung von Hochwasserretentionsbecken und -dämmen und Rodungen von Gehölzen im Hochwasserabflussbereich fielen bislang -zig weitere Hektar Auwaldflächen den Motorsägen und Prozessoren zum Opfer.
Dazu kamen viele nicht bewilligte Beeinträchtigungen: offene Schotterflächen wurden im großen Stil als Lagerplatz für Geschiebe verwendet. Auf ehemaligen Auwaldstandorten wurden Baumaschinen und landwirtschaftliche Fahrzeuge abgestellt, wird Brennholz und Baumaterial gelagert. Wo die Vegetation von den Wassermassen weggerissen war, wurden Zufahrtswege ausgeschoben und parken Erholungssuchende ihre Autos direkt am Flussufer. Weidengebüsche und Jungwuchs von Grauerlen, Birken, Eschen und Ahorn, Pappeln usw können so jedenfalls nicht mehr aufkommen, eine Sukzession
hin zu einer harten Au kann nicht mehr stattfinden.

Naturnahe Auen haben wichtige ökologische Funktionen und sind wichtige Naherholungsräume. Im Hochwasserfall brauchen Flüsse Platz und Auwälder sind hervorragend an Überschwemmungen angepasst.
Und sie gehören zu den artenreichsten Lebensräumen unseres Landes. Ein verbesserter
Schutz für diese Naturräume ist von fundamentaler Bedeutung. Auwälder sind derzeit die am stärksten gefährdeten naturnahen Lebensräume der Tallagen.
Für uns ein Grund, in den nächsten Infoblättern näher auf diese Kostbarkeiten einzugehen.

Weiter zu Teil 1

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