Die Ökologie unserer Auen – Musterstrecken

Teil 2 einer Artikelserie von Dipl. Natw. ETH Rochus Schertler,
zuerst veröffentlicht im ÖNB Infoblatt 3/2008 – zurück zu Teil 1

Wo Flüsse in höheren Lagen schon einen breiteren Lauf ausbilden können wie zB an der Alfenz, werden die oft großflächigen Schotterbereiche durch den Knorpellattich (Chondrilla chondrilloides) besiedelt. Üblicherweise wird dieser Spezialist von Schwemmlingen begleitet – Pflanzenarten, deren „angestammtes Revier“ andere Ökosysteme sind, die es aber – mit mehr oder weniger Erfolg – an diesem Standort einmal probieren. So findet man hier oft alpine Schotterbewohner wie Gipskraut, Alpen-Löwenmäulchen oder die Silberwurz.

Hinterrhein bei Rhäzüns: Schotterbänke wie diese sind derweil in Vorarlberg Geschichte (Foto: Rochus Schertler)

Vor allem unter den Ameisen, Heuschrecken, Laufkäfern und Spinnen gibt es gut getarnte, grau gesprenkelte oder sandfarbene, hoch spezialisierte Arten in diesem durch Verbauungsmaßnahmen heute seltenen Lebensraum. Neben den eher noch häufigen Bach- und Gebirgsstelzen, wären von Natur aus Flussuferläufer und Flussregenpfeifer hier auffällige Arten – wenn es sie denn noch geben würde. Beide Arten tauchen immer wieder in Vorarlberg auf, als Brutvogel sind sie aber stark gefährdet, weil starke
Freizeitnutzung auf intakten Schotterflächen oft genug den Bruterfolg verhindert.

In mittleren Lagen entstehen unter natürlichen Verhältnissen entlang von Flussläufen größere Schotterflächen. Entgegen ihrem Namen bestehen sie nicht nur aus grobkornigem Kies, sondern weisen Stellen mit Sand und Schlick ebenso, wie eingeschwemmtes Totholz und andere Pflanzenteile auf.

Deutsche Tamariske am Alpenrhein bei Sargans – in Vorarlberg früher häufig, heute ausgestorben
(Foto: Rochus Schertler)

Eine unter Ökologen sehr bekannte, früher entlang des Alpenrheins, der unteren Ill, Frutz und Bregenzerach häufige, heute aber bedauernswerter Weise ausgestorbene Pflanzenart dieser Pionierstandorte ist die Deutsche Tamariske (Myricaria germanica). Mit ihren Flugsamen war diese auf  viel Licht angewiesene, rund 1,5 m hoch werdende Pflanze in der Lage, entstandene Blößen rasch zu besiedeln. Es gab sie früher wohl an allen größeren Flüssen im Ländle, heute findet man sie von Liechtenstein aufwärts an naturnahen Abschnitten des Alpenrhein oder am Tiroler Lech bei Forchach. In diesen Höhenlagen dominieren Purpur-, Lavendel- und Reifweide die angrenzenden Augebüsche.

In Tieflagen, wo Flüsse bereits recht langsam sind und das Geschiebe immer kleinere Korngrößen erreicht finden sich neben Schilf und verschiedenen Binsen an sandig-lehmigen Stellen Vorkommen des Kleinen Rohrkolbens. Die heutigen Standorte dieser
Art lassen sich an einer Hand abzählen, kümmerliche Reste finden sich noch an der Dornbirner Ach, große Bestände an der Rheinmündung. Die Pflanze sieht aus wie ein kleiner Fernsehturm: am obersten Abschnitt eines schlanken Stängels findet sich der
eiförmige braune Blütenstand als „Aussichtsplattform“. Für Spezialisten wie diese ist aber heute nur noch wenig Platz vorhanden.
Aus Sicht des Naturschutzes muss deshalb wieder und wieder betont werden: Unsere Auenlandschaften stehen unter massivem Druck. Neben aus Sicherheitsgründen
heraus notwendigen Flussbaumaßnahmen und Geschiebeentnahmen ist vor allem
die ausufernde und oft genug rücksichtslose Freizeitnutzung von Fließgewässern und ihren Schotterbänken als Hauptbelastung für die hier lebenden
Organismen zu sehen.

weiter zu Teil 3

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